Kocherlball 2016 in München

Dieter Reiter mit Gattin Petra, Foto: Heinz Hoffmann

Im biedermeierlichen München Ende des 19. Jahrhunderts waren öffentliche Tanzplätze sehr beliebt. Auch der  Chinesische Turm, ein 25 Meter hoher Holzbau im Stile einer Pagode  im Englischen Garten,  verfügte über einen Tanzboden im Freien.  Der “ Chinaturm“  wurde in den Jahren 1789 bis 1790 erbaut. Das Bauwerk hat mit dem Erdgeschoss fünf Stockwerke. In der Mitte des Gebäudes befindet sich eine die Stockwerke verbindende Wendeltreppe. Mit der Eröffnung des Englischen Garten 1792 diente er als Aussichtsplattform für die Besucher. Bei einem Luftangriff auf München, während des Zweiten Weltkrieges, brannte er  jedoch ab und wurde  1952 nach der Rekonstruktion wiedereröffnet. Der Turm gilt heute als ein Wahrzeichen des Englischen Gartens.  

 

Hier trafen sich im 19. Jahrhundert  (um 1880) an den Sommersonntagen die einfachen Leute zum Tanz. In den frühen Morgenstunden versammelten sich am Chinaturm Köchinnen, Gärtner, Zimmer- und Kindermädchen, Zofen und viele andere Dienstboten und Diener. Getanzt wurde so früh, weil die „Kocherl“ später, wenn die feinen Herrschaften aus der Kirche zurück waren, wieder ihren Dienst verrichten mussten. Im Jahre 1904 wurde der Ball „aus Mangel an Sittlichkeit“ verboten. Die „Kocherl“ und ihre Galane haben es mit den Sitten anscheinend nicht so genau genommen!

 

Im Jahr 1989, zum 200. Jubiläum des Englischen Gartens, ließen das Münchner Kulturreferat und die Haberl Gastronomie den Kocherlball wieder aufleben. Seitdem findet die Veranstaltung einmal jährlich am dritten Sonntag im Juli statt, bei starkem Regen eine Woche später. Und auch zwei Jahrhunderte später ist  er ein voller Erfolg und  nicht mehr wegzudenken aus dem Münchner Festkalender.

 

Zum Kocherlball am 17. Juli kamen 10.000 fesche Burschen und saubere Madl,  Jüngere und Ältere, in Dirndl und Lederhosen,  in  alten Dienstbotenuniformen oder bürgerlicher Kleidung des 19. Jahrhunderts, zum Chinesischen Turm, um echte bayerische Volkstänze  zu tanzen. Bereits um Mitternacht  wurden viele Tische von den Besuchern selbst mit Kerzen, Tischdecken und Blumen geschmückt.   Der große Vorteil im Vergleich zu früher: Die Gäste dürfen feiern, so lange sie mögen. Schließlich wartet kein Dienst bei den „besseren Leuten“ mehr auf sie.  Anneliese Haberl und Tochter Antje Schneider, Wirtinnen des Chinaturms,  mögen am liebsten „die Stunden im Morgengrauen, wenn es langsam hell wird und man die einzigartige Stimmung und Atmosphäre rund um den Turm genießen kann“.  Um 5 Uhr morgens war der Biergarten restlos besetzt.

 

Der Biergarten am Chinaturm ist der zweitgrößte Biergarten in München und hat  7.000 Sitzplätze im Selbstbedienungsbereich und  500 Sitzplätze im bedienten Bereich. Schon in aller Herrgottsfrüh gab es  nicht nur frische Brezn, sondern auch eine große Auswahl an Biergartenschmankerln. Neben Kaffee und heißen Getränken waren  natürlich auch frisch gezapftes Hofbräu Bier, alkoholfreie Getränke, Wein oder Sekt im Angebot. Im nicht-reservierten Bereich des Biergartens gilt die bayerische Biergartentradition: Das Mitbringen von Speisen ist erlaubt, das Mitbringen von Getränken aber keinesfalls!

 

Natürlich wurde auch beim Kocherlball 2016 auf dem Tanzboden und  zwischen den Bierbänken eifrig getanzt. Walzer, Polka und die „Münchner Francaise“, die sich aus mehreren  französischen Kontratänzen des  18. Jahrhunderts entwickelte.  Zünftig und mit viel Schwung sorgten die beiden Tanzmeister Katharina Mayer und Magnus Kaindl dafür, dass auch Ungeübte die bayerischen Volkstänze wie  Landler, Zwiefacher, Boarischer, Polka und die Münchner Francaise, eine Nachfahrin der höfischen Kontratänze und Quadrillen aus dem 18. und 19. Jahrhundert,  tanzen konnten.

Mit ihrer fetzigen, mitreißenden, Blasmusik sorgten  elf junge  Musikanten aus der Oberpfalz,  die “ Kapelle Kaiserschmarrn“ dafür, dass es auch den letzten Tanzmuffel von der Bank gerissen hat.


 Die  sechs Musikanten der Gruppe „Schreinergeiger“  mit zwei Violinen, eine Diatonische Harmonika, Bratsche, Bass und Trompete lockten mit feurigen Zwiefachen, flotten Polkas oder schmachtenden Walzertakten auf den Tanzboden.

 

Auch der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter hat mit Gattin Petra eifrig das Tanzbein geschwungen.  Reiter betonte, dass es wichtig sei, Feste zu feiern wie den Kocherlball und sich nicht vom Terrorismus einschüchtern zu lassen. „Sonst haben die Terroristen gewonnen“  so Reiter.

 

 

Mitgetanzt haben auch OB Dieter Reiter (SPD),  Bürgermeister Josef Schmid (CSU), Alexander Reissl  (SPD), Spaten-Boss Bernhard Klier , Hofbräu-Boss Michael Möller, Löwenbräu-Chefin Katrin Schilz,  Kabarettist Jürgen Kirner, die Schauspieler  Lucas Bauer, Heidrun Gärtner, Werner Rom, Silke Popp, Gitti Walbrun (alle aus Dahoam is Dahoam) und Volkssängerin Franzi  Kinateder.  Wiesn-Ehrenrat Hermann Memmel hat es vorgezogen das bunte Treiben von der Terasse aus  anzuschauen.

 

 

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